Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Jahrgang 26: 2 (2021): Mehrsprachigkeit – konkret. Mehrsprachigkeit und die konkrete Umsetzung in mehrsprachigen Regionen



Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,
im Jahr 2019 schrieb ich zwei Artikel zur Luxemburger Mehrsprachigkeit hinsichtlich der Stellung der deutschen Sprache (genauere Angaben in meinem einleitenden Beitrag). Bei der Beschäftigung mit dieser spezifischen Mehrsprachigkeitssituation wurde mir deutlich, dass eine Publikation zur Mehrsprachigkeit in konkreten Anwendungsbereichen sinnvoll wäre. So kam der Call for Papers zustande, in dem verschiedene Themen angesprochen wurden: a) die Differenzierung zwischen der klassischen (kulturellen) „Mehrsprachigkeit - der Bildungs-Mehrsprachigkeit“ (Im CfP nannte ich diese noch Elite-Mehrsprachigkeit) - und der inzwischen schon alltäglichen „Migrations-Mehrsprachigkeit“, b) der Bezug auf Ansätze der Mehrsprachigkeitsdidaktik und c) die Auseinandersetzung mit der etablierten Begrifflichkeit in Beziehung zu realer Mehrsprachigkeit. Nun liegen in diesem Heft die Ergebnisse vor.

Ich hatte zuerst gehofft, dass aus den mir bekannten europäischen Regionen Beiträge zusammenkämen, dies ist jedoch nur teilweise geschehen. Es ist, selbst bei guter Vernetzung, nicht planbar, Autorinnen und Autoren zu gewinnen, die genau für diese spezifischen Regionen zu einem festen Publikationstermin schreiben können.

So haben wir für dieses Heft sowohl Beiträge vorliegen, die zwei-/mehrsprachige Regionen in Europa behandeln, in denen eher die Bildungs-Mehrsprachigkeit eine Rolle spielt, jedoch auch Themen zu offiziell einsprachigen Regionen, in denen vor allem die Migrations-Mehrsprachigkeit von Bedeutung ist.

Es ist äusserst schwierig, die Beiträge zu kategorisieren, denn neben den klassischen mehrsprachigen Regionen oder Ländern wie Luxemburg, Freiburg/CH und Südtirol gibt es Grenzregionen zwischen Ländern (Dänemark - Deutschland) oder Regionen, in denen offizielle Minderheitensprachen die Grundlage für die Mehrsprachigkeit bilden (bestimmte Bundesländer in Österreich beispielsweise). Dann spielt ein Aspekt eine Rolle, der lange vergessen wurde: Die Verwendung des Dialekts kontrastiv zur Standardsprache wird seit den Studien zu „The Multilingual Brain“ ebenfalls als eine Zwei-/Mehrsprachigkeitssituation verstanden. Und ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass auch in den klassisch mehrsprachigen Regionen neben der etablierten Bildungs-Mehrsprachigkeit die Migrations-Mehrsprachigkeit immer wichtiger wird.

Wegen dieser Komplexität ordne ich die Beiträge alphabetisch nach den Namen der Autoren/-innen an.

Im Folgenden werden die einzelnen Beiträge des vorliegenden Themenhefts kurz vorgestellt. Ich nummeriere die Beiträge durch, um im Anschluss daran kurz auf die inhaltlichen Schwerpunkte und Gemeinsamkeiten hinzuweisen.

1. Elisabeth Allgäuer-Hackl, Barbara Hofer, Emese Malzer-Papp und Ulrike Jessner stellen in ihrem Beitrag eine Auseinandersetzung mit dem Dynamischen Modell der Mehrsprachigkeit vor und beziehen die Aussagen auf mehrsprachige Unterrichtspraxis im Vergleich zwischen Südtirol und Österreich. Am Schluss steht ein Unterrichts- und Schulentwicklungsmodell für die praktische Anwendung.

2. Sandra Bellet und Julia Festman präsentieren in ihrem Beitrag eine Mehrsprachigkeitsproblematik, die sicher nicht nur in Österreich besteht: Dialekt im schulischen Alltag. In ihrer Analyse geht es sowohl um die Standard-Dialekt-Realität bei Lehramt-Studierenden als auch um ihre aus dieser inneren Mehrsprachigkeit resultierenden Haltung gegenüber der Dialektverwendung der Schüler/-innen.

3. Claudine Brohy liefert in ihrem Artikel einen Überblick über die Situation in einem Sprachgrenzgebiet, in dem neben den beiden Standardsprachen Französisch und Deutsch auch Mundartvarianten des Deutschen und verschiedene Migrationssprachen eine Rolle spielen. Sie fokussiert auf den Status der Standardsprachen und den Diskurs zur offiziellen Zweisprachigkeit der Stadt Freiburg/CH und die herrschenden Einstellungen zum Thema Sprachenlernen und zweisprachiger Unterricht.

4. Camilla Franziska Hansen beschreibt eine Schulsituation ebenfalls in einem Sprachgrenzgebiet (Deutschsprachige Minderheit in Dänemark), die geprägt ist einerseits von einem hohen Anspruch an Zweisprachigkeit, der selbst für Eltern von Kindern interessant ist, deren Erstsprache nicht die Schulsprache Deutsch ist.

5. Ulrike Jessner beschäftigt sich mit Sprachabbau, also mit der Frage, was nach Schulabschluss von den erworbenen Sprachkenntnissen bleibt. In diesem Beitrag wird ebenfalls das Dynamische Modell der Mehrsprachigkeit zugrunde gelegt. Originell ist der Einbezug klassischer Sprachen (hier Latein) in diese Analyse. Mehrsprachigkeitstheoretisch interessant ist die Forschungsfrage, ob ein mehrsprachiges Bewusstsein einen verlangsamenden Effekt auf den Sprachabbau haben kann.

6. Gisela Mayr beschreibt in ihrem Beitrag das Englischlernen in einer dreisprachigen Region (Südtirol). Ausgehend von der deutschsprachigen Minderheit, die Italienisch als L2 hat, versucht sie herauszuarbeiten, inwieweit diese Zweitsprache als Brückensprache für Englisch genutzt werden kann.

7. Susanne Prediger, Ángela Uribe, Jonas Wagner, Arne Krause und Angelika Redder beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit einer spezifischen CLIL-Situation: Mathematikunterricht, in dem unterschiedliche, nicht-geteilte Familiensprachen eingesetzt werden. Dazu braucht es mehrsprachendidaktische Ansätze, die noch nicht sehr verbreitet sind.

8. Michaela Sambanis und Christian Ludwig zeigen in ihrem Beitrag den Umgang mit Mehrsprachigkeit im Englischunterricht in Berliner Schulen. Hierbei geht es sowohl um die Einbindung anderer Schulsprachen als auch den Einbezug unterschiedlicher Familiensprachen als nicht geteilte Sprachen. Spannend auch die Ergebnisse von zwei Befragungen zur Haltung von Lehrkräften zur Mehrsprachigkeitsdidaktik.

9. Chiara Vettori, Sabrina Colombo und Andrea Abel wenden den Blick in der mehrsprachigen Region Südtirol auf die ausländische Bevölkerungsgruppe und deren Umgang mit der spezifischen lokalen Mehrsprachigkeitssituation. Dabei wird deutlich, dass es problematisch sein kann, wenn die faktisch bestehende Mehrsprachigkeit mit der häufig vorherrschenden Fixierung auf eine blosse Zweisprachigkeit kollidiert.

10. Katharina Wesselmann und Mirella Walker analysieren ein spannendes Schulprojekt in Basel. Es geht um das Fach Latein im Zusammenhang mit Bildungs- und Migrations-Mehrsprachigkeit. Es wird deutlich, dass ein innovativer Unterricht einer klassischen Sprache einen grossen Einfluss auf die Sprachenkompetenzen von Schüler/-innen mit Migrationshintergrund haben kann.

Sieben Beiträge beziehen sich auf historisch mehrsprachige Regionen (1, 3, 4, 5, 6, 9, 10).

Sechs Beiträge thematisieren die Migrations-Mehrsprachigkeit (1, 3, 7, 8, 9, 10).

In acht Beiträgen wird auf eine Mehrsprachigkeits-Didaktik Bezug genommen (1, 2, 3, 4, 6, 7, 8, 10).

Fünf Beiträge bieten eine explizite Auseinandersetzung mit der etablierten Begrifflichkeit (1, 2, 3, 6, 7).

In fast allen Beiträgen geht es u.a. auch um schulpolitische Fragen.

Nun wünsche ich Ihnen viel Spass bei der Lektüre!

Michael Langner, Themenherausgeber

 

Außerhalb des Themenschwerpunktes erscheinen in dieser Ausgabe der ZIF sechs Beiträge:

 

Die Bielefelder Arbeitsgruppe Forschungsmethodik DaF/DaZ stellt in ihrem Beitrag ein Vergleich der Situationsanalyse und der Konstruktivistischen Grounded Theory am Beispiel eines narrativen Interviews dar.

David Gerlach und Mareen Lüke fokussieren in ihrem Forschungsreview die Internationalisierung in der (fremdsprachlichen) Lehrer*innenbildung.

Gamze Karbi präsentiert die Ergebnisse ihrer Studie zu Motivation, Wirksamkeit und Vor- und Nachteilen von Online-DaF-Unterricht in Zeiten der Corona-Pandemie.

Dem aktuellen Thema schließt sich auch Beate Lindemann an und diskutiert eine Online-Qualifikationsmaßnahmen für DaF-Lehrer*innen in Norwegen.

Helga Rolletschek widmet sich in ihrem Beitrag der Studie zur relativen Wirksamkeit des bilingualen Sachfachlernens bei Jugendlichen mit geringen Englischkenntnissen und mehrsprachigem Hintergrund anhand des Themas Atmung.

In ihrem Beitrag gehen Naxhi Selimi und Andrea Cantieni der Frage nach, wie die Lehrkräfte des albanischen herkunftssprachlichen Unterrichts (HSU) in verschiedenen europäischen Ländern die Sprachpraxis der Kinder und Jugendlichen albanischer Herkunft einschätzen.

 

In der Rubrik Praxisbericht erscheinen in dieser Ausgabe der ZIF zwei Beiträge:

 

Kreative didaktische Ideen und Impulse in Bezug auf inter- und transkulturelle Reflexionen anhand von Slam Poetry liefert Sonja Reiß-Held in ihrem unterhaltesamen Beitrag.

Sakina Saleh stellt das arabische Präpositionalsystem dem deutschen gegenüber und wiest auf unterschiedliche Raum-Konzeptualisierungen in beiden Sprachen hin. Anschließend formuliert sie einige Vorschläge zur Verbesserung des DaF-Unterrichts in Ägypten.

 

In der Rubrik Rezensionen werden vier Neuerscheinungen besprochen:

 

Teresa Barberio rezensiert den Sammelband von Giuseppe Manno, Mirjam Egli Cuenat, Le Christine Pape Racine und Christian Brühwiler (Hrsg.) (2020): Schulischer Mehrsprachenerwerb am Übergang zwischen Primarstufe und Sekundarstufe I. Münster: Waxmann.

Karmelka Barić bespricht die Sammlung von Matthias Prikoszovits (2020): Berufsbezug in südosteuropäischen DaF-Hochschulcurricula vor und nach der Krise von 2008. Untersuchungen an Lehrplänen aus Italien und Spanien. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.

Stanislav Katanneck widmet sich dem Band von Günter Schade, Sandra Drumm, Ute Henning und Britta Hufeisen (2020): Einführung in die deutsche Sprache der Wissenschaften. Ein Lehrbuch für Deutsch als Fremdsprache. 14., neu bearb. Aufl. Berlin: Erich Schmidt.

Schließlich rezensiert Rainer E. Wicke das Nachschlagewerk von Wolfgang Hallet, Frank G. Königs und Hélène Martinez (Hrsg.) (2020): Handbuch Methoden im Fremdsprachenunterricht. Hannover: Klett/Kallmeyer.

 

Den Abschluss bilden eine Übersicht über wichtige Neuerscheinungen im Fach, verbunden mit der Einladung zur Rezension in der ZIF, zudem ist der Überblick über kommende Tagungen aktualisiert.

An dieser Stelle möchten wir uns von unserer langjährigen Redaktionskollegin, Nicole Marx verabschieden. Frau Prof. Dr. Nicole Marx betreute für die Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht ZIF die Neuerscheinungen sowie die Rezensionen seit 2012. Wir, Herausgeberin und Herausgeber sowie die Schriftleitung der ZIF, danken Nicole vielmals für diese Arbeit, die oft wenig beachtet im Hintergrund stattfindet, jedoch Überblick über das Feld und Sachverstand erfordert. Nicole achtete stets darauf, dass die Rezensionen einen Sachzusammenhang zur Themenausgabe hatten, was die Besprechungen meist noch interessanter machte.

Ab der Ausgabe 2022-1 übernimmt Dr. Sandra Drumm, derzeit Vertretungsprofessorin an der Universität Paderborn, diese Aufgabe. Wir heißen Sandra herzlich willkommen im Team der ZIF-Redaktion!

 

Die nächste Ausgabe der ZIF (2022: 1) „Nachbarsprachen und mehrsprachige Klassenzimmer“ (Gastherausgeberinnen: Sabine Jentges und Eva Knopp) wird im April 2022 erscheinen.

 

Weiter geplant sind u.a.:

    ZIF 2022: 2, Oktober 2022: Themenschwerpunkt „Unterricht in der Herkunftssprache“ (Gastherausgeberin: Grit Mehlhorn).

   ZIF 2023: 1, April 2023: Themenschwerpunkt „Erzählen in multilingualen und interkulturellen Kontexten“ (Gastherausgeberinnen: Jeanette Hoffmann & Lynn Mastellotto).